Bettnässen

Bettnässen (Enuresis nocturna) ist bei Kindern nach Asthma die zweithäufigste chronische Erkrankung und die häufigste urologische Erkrankung bei Kindern. In Deutschland machen von den 8,8 Millionen lebenden Kindern und Jugendlichen rund 120.000 bis 160.000 Kinder im Alter von fünf Jahren und 640.000 Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren noch ins Bett. Dennoch wird das Thema häufig tabuisiert und totgeschwiegen. Etwa ein Drittel der betroffenen Kinder machen jede Nacht ins Bett, bei ebenso vielen ist das Bett mehrmals in der Woche nass. Die Dunkelziffer dürfte aus Schamgefühl jedoch deutlich höher sein.

FORMEN
Man unterscheidet in zwei Formen von Bettnässen. Eine primäre Enuresis liegt vor, wenn das Kind noch nie über einen längeren Zeitraum nachts trocken war. Tagsüber haben Kinder meist keine Blasenprobleme.
Bei der sekundären Enuresis hingegen war das Kind mindestens sechs Monate am Stück zuverlässig trocken und beginnt plötzlich wieder ins Bett zu machen.

URSACHEN
Es gibt verschiedene Ursachen wieso Kinder und Jugendliche nachts den Urin nicht halten können. Anzeichen für eine sekundäre Enuresis spielt meist eine psychische oder körperliche Belastung eine entscheidende Rolle. Jedoch auch Stress in der Schule bzw. während der Ausbildung oder zu Hause ebenso die Geburt eines Geschwisterchens kann fürs Bettnässen verantwortlich sein. Dies ist meist erblich bedingt. War ein Elternteil vom Bettnässen betroffen, liegt die Wahrscheinlichkeit fürs Kind bei 45 % bzw. 75 %, wenn beide Eltern betroffen waren, das Kind ebenfalls Bettnässer wird.

Beim primären Bettnässen sind hingehen andere Symptome verantwortlich. Ein Hauptgrund ist ein zu tiefer Schlaf und schwere Erweckbarkeit bei sonst normalen Schlafverhalten. Kinder merken meist nicht, wann sie aufs Klo müssen. Die volle Blase kann sich nicht entleeren und läuft über. Anzeichen für eine primäre Enuresis sind auch ein häufiges Einnässen (Polyurie) und großer Urinverlust.

Der Grund wieso meist ADHS-Kinder ins Bett machen liegt am Stoff Vasopressin. Dieser fehlt den Kindern meist. Die Urinproduktion in der Nacht wird nicht reduziert. Die Folge ist, dass diese Kinder nachts genauso häufig auf die Toilette müssen wie tagsüber. Auch hier sorgt der Tiefschlaf, das ADHS-Kinder durch den Blasendruck nicht wach werden und sich einnässen.

Wie bei den kindlichen Bettnässern, kann auch bei Erwachsenen eine verzögerte Reife der Blasenkontrolle im Gehirn eine mögliche Rolle spielen. Verantwortlich kann beispielsweise eine genetische Veranlagung sein. Ohne eine medizinische Therapie bestehen für Erwachsene wenig Chancen, dass sich das Bettnässen von selbst erledigen wird. Eine weitere Erklärung wieso Erwachsene ins Bett machen ist, wenn zu wenig antidiuretischen Hormons (ADH) vorhanden ist. Dieses Hormon ist verantwortlich, um in der Nacht die Harnproduktion zu reduzieren.

Deshalb kann Bettnässen auch durch übermäßigen Alkoholgenuss zeitweise verursacht werden. Alkohol entspannt nicht nur Blas- und Schließmuskel, sondern wirkt auch diuretisch (harntreibend), was vor allem durch Bier verursacht wird. Alkoholisierte Jugendliche und Erwachsene die sich nachts einnässen, haben einen akuten ADH-Mangel was durch den hohen Flüssigkeitsverlust vom Bier ausgelöst wird. Bier wirkt auf ADH zudem hemmend. Das herbeigeführte Bettnässen wird durch die eingeschränkte Wahrnehmung noch begünstigt. Nicht ohne Grund müssen im Krankenhaus Patienten mit Alkoholvergiftung eine Windel tragen.

Eine andere mögliche Ursache fürs Bettnässen, kann eine überaktive Blase sein. Die Blase meldet sich sehr oft. Auch eine geringe Blasenkapazität, die nicht ausreichend entwickelt wurde, ist ein möglicher Faktor das zum Bettnässen führen kann. Neben zu tiefen Schlaf was auch bei Erwachsenen vorkommt, sollte man auch psychosomatische Ursachen nicht ausschließen.

Falls der Urologe keine eindeutige Ursache finden konnte, sollte ein Facharzt die Lebensumstände und das seelische Befinden der Person genau untersuchen. Das Einnässen in der Nacht und tagsüber kann auch durch einen früheren sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung ausgelöst werden.

Ebenso Hilfsmittel wie Katheter oder Windeln können unter Umständen eine Inkontinenz oder Bettnässen verursachen oder verschlimmern. Mit der Zeit verringert sich die Blasenkapazität, da die Muskelschicht in der Blasenwand nachgibt. Durch das häufige nachgeben des Harndrangs, entsteht eine überaktive Blase, die wie bereits erwähnt zum Bettnässen führt. Deshalb sollten bettnässende Kinder nicht direkt eine Windel tragen, da sich das Symptom sonst verschlimmern kann. Begünstigt durch die fehlende Rücknässung von Einwegwindeln tritt kein Lerneffekt auf.

VERBREITUNG
Bettnässen ist bei Kindern häufiger verbreitet, als bei den meisten bekannt ist. Jungs sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Nach aktuellen Statistiken ist jedes 4. Kind unter 5 Jahre nachts noch nicht trocken – dies entspricht 25 bis 33 Prozent. Allerdings spricht man da von einer physiologischen Harninkontinenz. Dabei handelt es sich um einen ganz normalen Entwicklungsprozess. Der Reifeprozess ist bei jedem Kind unterschiedlich schnell. Vor allem die Blasenkontrolle ist ein Lernprozess, der viel Zeit benötigt. Manche Kinder werden bereits mit zwei Jahren trocken, andere sind deutlich älter. Dass Kinder tagsüber mit drei Jahren und nachts mit fünf Jahren trocken werden müssen – ist ein weit verbreiteter Irrtum.

Vom eigentlichen Bettnässen spricht man erst bei Kindern ab dem 5. Lebensjahr. Dann sollte es unbedingt medizinisch abgeklärt werden. Bei den Fünfjährigen nässen 2 von 30 Kindern (15 Prozent) nachts noch ein, bei den Siebenjährigen sind es 5 bis 7 Prozent, bei den Zehnjährigen rund 7 Prozent und 1 – 2 Prozent bei den Jugendlichen. Unter den Erwachsenen verlieren schätzungsweise 1,5 bis 5 Prozent der Männer und Frauen nachts Urin.

Lediglich jedes Jahr werden 13 – 15 Prozent aller bettnässenden Kinder ohne Therapie trocken. Spätestens in der Pubertät werden die meisten trocken. Allerdings belegen auch Studien, wer mit 7 Jahren noch nicht trocken ist, wird das Bettnässen auch im Erwachsenenalter noch haben.

Eine Studie von Prof Yeung hat herausgefunden, dass der Schweregrad der Erkrankung im zunehmendem Alter steigt. Je älter Kinder oder Jugendliche sind, umso häufiger nässen sie nachts ein. Bei den fünf Jährigen nässen etwa 14 % jeden Tag in der Woche ein – bei den 19-Jährigen sind es 49 %. Bei den fünf Jährigen haben etwa 56 % weniger als drei nasse Nächte während dies bei den 19-Jährigen nur 10 % sind. Auch aus diesem Grund ist eine frühzeitige Behandlung der Enuresis absolut wichtig.

THERAPIE
Um die Ursache fürs Bettnässen herauszufinden, sollte zunächst der Kinderarzt oder ein Urologe aufgesucht werden. Die können die Ursache wie eine Fehlbildung der Harnwege, Nierenprobleme oder eine zu kleine Harnblase eventuell ausschließen. Obwohl viele Betroffen aus Scham nicht zum Arzt gehen, sollte eine Therapie möglichst zeitnah durchgeführt werden. Trotz des medizinischen Fortschritts kann nicht immer eine Ursache gefunden haben. Bei Erwachsenen wo sichtlich das ADH-Hormon fehlt, kann durch Medikamente mit dem Wirkstoff Desmopressin auf natürlicherweise ADH nachgebildet werden, bis der Körper es selbst übernimmt.

Vor einer medizinischen Untersuchung sollte ein Blasentagebuch angelegt und dem behandelten Arzt mitgebracht werden. Entweder man pinkelt in einem Messbecher oder man wiegt das volle Hilfsmittel, das Nettogewicht muss natürlich hinterher abgezogen werden. Die Untersuchungen werden auf mehrere Tage unterteilt, neben einer Harnstrahlmessung, wird notfalls auch eine Blasenspiegelung durchgeführt.

HILFSMITTEL
Auf dem Markt stehen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, die gegen Bettnässen helfen sollen. Ein weit verbreitetes Hilfsmittel sind Windeln. Mittlerweile bietet jeder Hersteller von Babywindeln spezielle Produkte für ältere Bettnässer an, diese sind im jeden Drogerie- und Supermarkt erhältlich. Bei den Produkten handelt es sich meist um Höschenwindeln, die sich wie eine Unterhose an- und ausziehen lassen. Diese eignen sich jedoch nur für leichtes Bettnässen da die Saugleistung eher gering ausfällt. Saugfähige Windeln für größere Kinder und Jugendlichen werden meist von Inkontinenzhersteller angeboten.

Für Bettnässer können Windeln zwar eine Erleichterung darstellen, sollten jedoch nur im Notfall oder zum Übergang verwendet werden. Stoffwindeln sind die bessere Wahl, da bei Einwegwindeln aufgrund der fehlenden Rücknässung kein Lerneffekt auftritt und schlicht nicht merken, wann die Windel voll ist. Allerdings reagieren vor allem ältere Kinder und Jugendliche auf den Vorschlag nachts wieder eine Windel zu tragen eher ablehnend. Um das Verhältnis zu den Teenies nicht zu gefährden, sollte man dem Betreffenden die Entscheidung überlassen. Bei der Entscheidung und Anschaffung sollten sie mit einbezogen werden. Der Vorteil morgens in einem trockenen Bett aufzuwachen, kann das Kind möglicherweise überzeugen. Es vermeidet auch unangenehme Gerüche und reduziert große Wäscheberge. Auch ein Durchschlafen ist für das Kind angenehmer.

Zudem sollte das Kind mit den Windeln einverstanden sein und nicht als Strafe empfunden werden. Dem Kind sollte klar sein, das Windeln ein Hilfsmittel sind, um das Bett zu schützen. Kann man das Kind von der Windel nicht überzeugen, gibt es auch andere Hilfsmittel auf dem Markt. Neben einer wasserdichten Schutzunterlage für das Bett könnte man es alternativ mit einer Klingelmatte oder -Hose probieren. Unterumständen hilft auch ein Medikament, das die Urinproduktion in der Nacht reduziert. Als zusätzlichen Schutz kann eine Gummihose und Body getragen werden, die es ebenfalls für Jugendliche gibt.

Für betroffene Kinder und Jugendliche kann Bettnässen zu einem echten Problem werden. Es ist meist auch mit einem hohen Leidensdruck verbunden, schnell wieder trocken zu werden. Bettnässer schämen sich aufgrund des Problems und ziehen sich immer weiter zurück. Aus Angst wird eine Übernachtung bei Freunden oder Klassenfahrt meist vermieden.

Man sollte dem Kind diese Angst nehmen. Aus Respekt und Diskretion sollte das Thema Bettnässen und Windeln stets in der Familie bleiben. Vor allem bei Jugendlichen sollte auf die Privatsphäre großen Wert gelegt werden. Eltern müssen besonders einfühlsam und verständnisvoll mit Ihrem Kind umgehen und vermeiden es wie ein Baby zu behandeln. Um mit der Situation besser umgehen zu können, sollten beste Freunde eingeweiht werden. Mit etwas Übung können Kinder sich die Windel selbst anlegen. Jedoch sollte am Anfang der optimale Sitz der Windel überprüft werden, um ein auslaufen zur Vermeiden.